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Rock City, Ausgabe #29
Das Werk ist schon sehr vielschichtig und schwierig....welche Zielgruppe versuchst Du damit zu erreichen?
Grundsätzlich ist es ein Werk für all jene, die sich diese Musik und das Album zumuten wollen. Die Beteiligten am Album kommen ja aus allen möglichen musikalischen Richtungen und genauso sehe ich die Hörerschaft. Wenn ein Hörer ernst genommen möchte, ist er der richtige für »Lebensborn.« An den bisherigen Reaktionen der Medien lässt sich ja sehr gut ablesen, dass dieses Prinzip offensichtlich funktioniert, denn es scheint nahezu gleichgültig, welcher musikalischen Richtung sich ein Magazin verpflichtet hat. Aufgeschlossene Hörerschaft ist ja unabhängig von musikalischen Vorlieben.
Wie würdest Du das Album stilistisch einordnen?
Gar nicht. Ich vermeide grundsätzlich so eine Art von Klassifizierungszensur.
Gibt es musikalische Einflüsse, die Dich besonders berührt haben? Dies ist keine sehr einfache Frage. Ich bin mir nie sicher, ob mich wirklich, also bewusst, Musik anderer Künstler beeinflusst und Wirkung auf meine eigene Musik hat oder nicht. Als Kind wurde ich definitiv von der Deutschen Avantgarde (Can, Kraftwerk, Neu, etc.), Britischen Elektro der damals neuen Labels Mute, Rouge Trade und 4AD und besonders vom zeitgenössischen Komponisten György Ligeti geprägt. Während der Schulzeit hörten dann alle Duran Duran usw, während mir die Musik von Throbbing Gristle zu Ohr kam. Ich habe deren künstlerischen Impetus im Alter von 12 Jahren nicht verstanden, aber ich war beeindruckt und definitiv berührt von der »Rauheit«, die sich absolut mit meinen Erlebnissen in der Schule deckten. Dort ist mir sehr viel physische und psychische Gewalt begegnet, welche von der Lehrerschaft unterstützend ignoriert wurde. Unterm Strich möchte ich sagen, dass mich eher Lebensumstände musikalisch beeinflussen und weniger die Musik anderer. Heute wünsche ich mir jedoch häufig, einmal wieder musikalisch so emotional überrascht zu werden, wie damals, als ich mit 3 Jahren unter diesem Flügel saß und aus dem Radio erst »I'm not in love« von 10CC und dann »Spoon« von CAN zu hören war.
Welche weiteren Pläne hast du für 2009/2010? Pläne gibt es reichlich. Das ist insbesondere der Presse geschuldet, die so unerwartet positiv auf das Album reagiert haben. Eigentlich wollte ich mich nach dem Mastering von »Lebensborn« nur noch dem Filmen und meinen Plänen zu promovieren widmen, aber nun könnte es durchaus passieren, dass der Kern des Projektes auf eine kleine Tour geht, um »Lebensborn« als Performance auf die Bühne zu bringen. Marçel Roberrs (Borken Rule), der Sänger des Songs »Meatmarkets II« war der Erste, der diese Sache anregte. Vor einem halben Jahr habe ich abgewunken, aber nun könnte vielleicht wirklich daraus etwas entstehen, was natürlich auch meinen großartigen Mitstreitern auf dem Album zu danken ist, die mit ihrem Glauben und Enthusiasmus die Sache genauso am Leben halten, wie ich es sollte. Im Hintergrund haben Linda, die Sängerin von »Imentu« und ich bereits mit der Fortsetzung von »Lebensborn« begonnen und ich hoffe sehr, dass die nächste Platte nicht wieder 9 Jahre Produktionsarbeit verschlingt.
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Nebenbei habe ich mich daran gemacht, mein 97'er Album zu remastern und zu erweitern. In der Vergangenheit hatte ich mich sehr von der Platte distanziert, weil sie einfach konzeptionell nicht durchdacht war. Aber beim Transfer der analogen 1/2" Zoll Bänder und insbesondere bei der digitalen Überarbeitung sind sehr gute Ergebnisse herausgekommen. Geplant ist eine Neuveröffentlichung als Download und ggf. Doppel-Vinyl-Album in geringen Stückzahlen. Aber es gilt abzuwarten, wie sich alles entwickelt. Ansonsten gibt es noch so viele Akten für die nächsten Jahre, dass ich sie hier kaum aufzählen kann.
Wie geht es mit deinem Label weiter? Aufgrund der »Brennproblematik« gehen immer mehr Companys insolvent (Gun, SPV), wie reagiert man als kleines Label? Da sprichst Du in der Tat ein schwieriges Thema an. Gerade heute habe ich den offenen Brief kleinerer Metal-Labels in der aktuellen Ausgabe der »Zillo« gelesen und ich kann dem, was dort steht, uneingeschränkt zustimmen. Leider bezweifle ich jedoch, dass so ein Brief eine positive Wirkung haben kann, denn eigentlich mutet es schon beklemmend an, dass man dem Hörer aufzeigen muss, dass auch Musiker und die Peripherie leben muss. Vor allem auch schon deshalb, um seiner Berufung Künstler zu sein, nachkommen zu können. Ich stelle immer die Frage, warum wir Künstler angeblich, auch laut Piraten Partei, alles Kulturgut gratis zur Verfügung stellen sollen, wenn meine Lieblingsbäckerin ein Gehalt bekommt. Das kann nicht funktionieren. Ich könnte sehr gut in einer Welt ohne Geld leben: Ich mache meine Kunst und bekomme dafür meine Brötchen. Aber leider herrscht ja diese Doppelmoral und leider auch sehr viel Halbwissen vor, was insbesondere aus der laufenden GEMA-Diskussion zu vernehmen ist. Data File kann sich derzeit noch am Leben halten, weil es große Informationstransparenz und offene Strukturen gibt. Aber finanziell sind auch wir unten angekommen. Nach »Lebensborn« planen wir für 2010 bisher nur die VÖ des Debüt-Mini-Albums der Oldenburger Band »Buzz Aldrin«, aber dann ist das Budget wahrscheinlich schon erschöpft. Wenn man Qualitätsprodukte machen möchte, müssen heute Verluste quasi einkalkuliert werden. Langfristig lässt sich das natürlich nicht durchhalten. Vielleicht ist es ein wenig so wie mit der Bankenkrise, die ja auch eine große (und leider verpatzte) Chance war, die Spieler und Betrüger vom Markt verschwinden zu lassen. Wenn der Musikmarkt zusammenbricht, hilft sicherlich keine Regierung… Aber vielleicht bemerken dann die Hörer, dass es nur noch Altbekanntes und uniformen Einheitsbrei gibt und damit eine Sehnsucht entfacht wird, wieder einmal von Musik berührt zu werden, statt sie nur beim Abwasch oder aus iPods plärren zu hören, um dabei die Straßengeräusche zu überdecken. Ich jedenfalls höre deutliche Unterschiede zwischen MP3s und unkomprimiertem Audio. Und ich möchte auch in Zukunft Werke von Ligeti, RIhm aber auch Kraftwerk ohne störende Artefakte genießen können. Und eben diese Künstler angemessen entlohnt wissen.
Jens Reimnitz
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